Nationalsozialistische
Erziehungsziele
von Katarina Capelle und Cornelia Rehfeld „Körperliche Tüchtigkeit“
contra „Intellektualismus“
Die
Erziehungsziele der Nationalsozialisten waren weniger von pädagogischen,
als von politischen Motiven geprägt. Schule war für sie neben anderen
staatlichen Erziehungsorganisationen (Hitlerjugend/ Bund Deutscher Mädel)
eine Möglichkeit, die Kontrolle über die Jugend zu erlangen, durch
massive Einflussnahme konnten sie die Wertebildung der Schüler und Schülerinnen
lenken. Während der Schulzeit sollten die Kinder so geprägt werden,
dass sie sich später problemlos in den NS-Staat eingliedern ließen. Grundsätzliches Ziel
der NS-Erziehung war eine deutsch denkende, staatstreue Person, die ihr
eigenes Leben unter den angeblichen Volkswillen unterordnet und bereit
ist, dem Führer absolute Treue zu leisten. Die Schüler sollten von
Kindheit an lernen, sich dem angeblichen Mehrheitswillen nach der Maxime
„Du bist nichts, Dein Volk ist alles“, unterzuordnen. „Der
kollektiv denkende und handelnde, der leicht führ- und lenkbare, der
unkritische und linientreue, der abgehärtete, blinden soldatischen
Gehorsam beweisende und nach vermeintlicher Germanenart
verfahrende Volksgenosse war das Ziel dieser Erziehung.“[i] Den
Kernpunkt von Hitlers Erziehungszielen bildete die Forderung nach
Entwicklung von Nationalstolz und rassischem Bewusstsein. Kinder und
Jugendliche sollten sich von klein auf dem deutschen Volk zugehörig fühlen
und sich mit nationalen Überlegenheitsgefühl von anderen Rassen
abgrenzen. Von seiner
inhumanen rassischen Geschichtsauffassung ausgehend, sah Hitler die „Krönung“ der Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen
Staates darin, „dass sie
den Rassesinn und das Rassegefühl
instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten
Jugend hineinbrennt. Es soll
kein Knabe und kein Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten
Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt
worden zu sein.“[ii] Neben diesem
obersten Ziel der nationalsozialistischen Erziehungsarbeit, der
deutschen Jugend einen fehlverstandenen Rassismus und Biologismus
„einzubrennen“, ging es Hitler vor allem darum, das Ideal des
„Intellektualismus“ durch sein eigenes „Erziehungsideal“
der körperlichen Tüchtigkeit und kämpferischen Gesinnung zu
ersetzen. Der völkische
Staat habe, so führte er aus, „seine gesamte Erziehungsarbeit in
erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen,
sondern auf das Heranzüchten kerngesunder
Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der
geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung
des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und
Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortlichkeit, und
als letztes die wissenschaftliche
Schulung.“[iii] Die
besondere Betonung der körperlichen Ausbildung führte in der
nationalsozialistischen Schulpolitik zu einer ungewöhnlich starken
Aufwertung des Sportunterrichts. Neben der
Forderung nach rassischen und kriegerischem Denken und der Einordnung
des Einzelnen in die Volksgemeinschaft, hielten die Nationalsozialisten
auch die Abschaffung der Koedukation für ein wichtiges Ziel. Jungen
wurden auf ihr Dasein als Soldaten vorbereitet, Mädchen auf ihre zukünftige
Aufgabe des Gebärens von möglichst vielen, gesunden Kindern und auf
das Versorgen von Mann und Familie. „Das
Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu
sein.“[iv] [i]
Flessau, Kurt-Ingo: Schule der Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher
des Nationalsozialismus, 1. Aufl., München, Ehrenwirt-Verlag, 1977,
S. 11. [ii]
Hitler, Adolf: Mein Kampf, S. 420 f., zitiert nach Bäumer-Schleinkofer,
Änne: NS-Biologie und Schule, Frankfurt am Main, Berlin, Bern New
York Paris, Wien, Lang 1992, S. 3. [iii]
Hitler, Adolf: Mein Kampf, S. 400, zitiert nach Bäumer-Schleinkofer,
Änne: NS-Biologie und Schule, Frankfurt am Main, Berlin, Bern New
York Paris, Wien, Lang 1992, S. 2. [iv]
Hitler, Adolf: Mein Kampf, S. 459 f., zitiert nach Flessau,
Kurt-Ingo: Schule der Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher des
Nationalsozialismus, 1. Aufl., München, Ehrenwirt-Verlag, 1977, S.
11. Flessau, Kurt-Ingo: Schule der
Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus, 1.
Aufl., München, Ehrenwirt-Verlag, 1977, S. 25. |
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Hitlerjugend als Erzieher
Um
eine im nationalsozialistischen Sinne einheitlich ausgerichtete Jugend
heranzuziehen, betrauten die Nationalsozialisten ihre
Jugendorganisation, die Hitlerjugend (HJ) mit der „Kooperation“ der
Erziehungsaufgaben. Letztlich lief alles darauf hinaus, die gesamte
Jugend zwischen zehn und achtzehn in der HJ zu erfassen und sie
gleichzeitig anderen Erziehungseinflüssen zu entziehen. Fast
ein Drittel der Jugend trat nach der „Machtergreifung“ freiwillig in
die HJ ein, manche von ihnen sogar heimlich, gegen den Willen der
Eltern. 1933 war die Mitgliederzahl sprunghaft auf 2,3 Millionen
angestiegen. Was sie anzog, war das Abenteuerliche der Soldatenspiele,
das geheimnisvoll Dämonische der Fackelzüge und Lagerfeuer, das
„Gigantische“ der Aufmärsche, Flaggenparaden und Darbietungen.
Wichtig für die Jugend war aber auch das Gemeinschaftserlebnis in der
Gruppe und nicht zuletzt das Gefühl, als junger Mensch ernst genommen
und gebraucht zu werden. Doch
die erste Begeisterung für die HJ war bald verraucht. Der HJ-Dienst
wurde allmählich zur lästigen Pflichtübung. Vor allem der
„Ordnungsdienst“, das ewige Exerzieren wurde als “potenzierter
Stumpfsinn“ empfunden. Unter denen, die bisher noch nicht in der HJ
waren, schwand zunehmend die Lust, sich freiwillig einzureihen. So
erschien beispielsweise ein Unterbannführer in der Schule und drohte,
wer jetzt nicht in die HJ eintrete, sei ein Volksverräter. Als
auch Druck und Nötigung nicht zum gewünschten Erfolg führten, wurden
alle Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn Jahren, ob sie wollten oder
nicht, durch das Reichsgesetz vom 1. 12. 1936 „in der Hitlerjugend Zusammengefasst.“
Um die Disziplin in der Massen-HJ zu gewährleisten, wurde ebenfalls
1936 die HJ-Disziplinordnung“
erlassen. Um
die geistige Gleichschaltung der HJ durch Einflüsse von Elternhaus,
Schule und Kirche nicht gefährden zu lassen, drang die Reichsjugendführung
darauf, dass die Schuljugend aus dem Religionsunterricht ausscheiden und
geschlossen in den Weltanschauungsunterricht gehen sollte. Eltern, die
das nicht wollten, erhielten für ihre Kinder keine Erholungskur. Bei
Kriegsausbruch lief die „totale
Erfassung“ der Jugend auf vollen Touren. Im Herbst 1944 ergriff
die HJ-Führung die Initiative, Schulkinder mit Einverständnis der
Eltern aus bombengefährdeten Gebieten herauszuholen und sie für eine
bestimmte Zeit abseits des Krieges in lagern zu betreuen und im
„Geist des Nationalsozialismus“ zu erziehen. |
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Nationalsozialistische
Mathematik
„Für ein
idiotisches Kind“, so rechnet man Jugendlichen vor, „...wird
ebensoviel Geld verbraucht wie für vier bis fünf gesunde Kinder. Der
achtjährige Unterricht für einen Volksschüler kostet ungefähr 1000
Reichsmark, der Erziehungsaufwand für einen Taubstummen etwa 20 000
Reichsmark.“ (Brennecke: Handbuch für die Schulungsarbeit der HJ, S.
53) In
dem Lehrbuch „Mathematik im Dienste der nationalpolitischen
Erziehung“ finden sich z.B. folgende Rechenaufgaben: Aufgabe
44: Wie viel
Kinder muss eine Familie haben, damit der zahlenmäßige Bestand des
Volkes gesichert ist? Aufgabe
89: Wie viel
Personen gehören in die „Ahnentafel“ eines Menschen, falls sie von
der nullten bis zur n-ten Reihe fortgesetzt wird? Aufgabe
95: Der
Bau einer Irrenanstalt erfordert 6 Millionen RM. Wie viele Siedlungen zu
je 15 000 RM hätte man dafür bauen können? Aufgabe
97: Ein
Geisteskranker kostet täglich etwa 4 RM, ein Krüppel 5,50 RM, ein
Verbrecher 3.50 RM. Nach
vorsichtigen Schätzungen sind in Deutschland 300 000 Personen in
Anstaltspflege. Wie viel Ehestandsdarlehen zu 1 000 RM könnten von
diesem Geld jährlich ausgegeben werden? |
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