MIND MAPPING IM UNTERRICHTVon
Manfred Steps Mind Mapping - ungeordnetes Chaos auf einem Blatt Papier oder nur eine andere, einfache Form, Gedanken, Ideen und Inhalte aufzuschreiben. Mit diesem Beitrag soll eine Hilfestellung und Ermutigung zu einer nicht alltäglichen Form der Erarbeitung und Festigung von Lerninhalten gegeben werden. Als Einstieg in das Thema möchte ich Sie bitten, sich zwei typische Schulsituationen vorzustellen. 1. Situation: Wir machen in Gedanken einen Gang durch ein imaginäres Schulgebäude. Es ist nachmittags, längst haben die letzten Schülerinnen und Schüler die Klassenräume verlassen. So haben wir Zeit, uns in Ruhe den Tafelanschrieb in den Klassen anzusehen. Wahrscheinlich werden wir unabhängig von den Themen folgendes sehen:
Wenn die Schüler diese linear ausgeführten Aufzeichnungen nach Hause tragen, haben sie nun eine optimale Arbeitsgrundlage, um das zu lernen, was Sie als Lehrer so sorgfältig geplant haben? 2. Situation: Stellen Sie sich vor, Ihre Klasse plant eine Klassenfahrt an die Nordsee und gemeinsam mit den Schülern überlegen Sie, was alles organisiert werden muss. Wahrscheinlich werden Ihnen tausend Gedanken durch den Kopf laufen. Die Klasse wird sich heftig an der Planung beteiligen wollen. Vieles ist ungeordnet, es erscheint so, dass die "Köpfe" von einem Detail zum nächsten springen, ungeordnet und mit einer gewissen Eigendynamik. Bis eine innere Stimme sagt: "Ruhig Blut, schreib es einfach auf!" Aber lassen sich all diese Gedankenblitze der Schüler, die unstrukturierte Freude auf die Klassenfahrt in eine geeignete Weise an die Tafel bringen? Und damit sind wir beim Thema "Mind Mapping im Unterricht". Was ist ein Mind Map?Ein Mind Map (Gedächtnis-Karte) ist eine Methode und Darstellungsart, Gedanken aufzuschreiben und aufzuzeichnen. Entwickelt wurde diese Methode von dem Kommunikationsforscher Tony Buzan, der versuchte, das Gedankenchaos nicht in eine lineare Struktur zu pressen, sondern es als "Chaos" auf dem Papier abzubilden. Dabei rückt zunächst das Thema in das Zentrum des Blickes und damit auch des Papiers/der Tafel. Diesem "Mittig-Sehen" begegnen wir, wenn wir uns ein Bild anschauen oder uns in einer unbekannten Landschaft orientieren. Vom Zentrum aus orientiert sich der Blick in alle Richtungen zum Bild bzw. Blattrand. Für die Herstellung eines Mind Maps bedeutet dieses, dass, nachdem das Thema im Zentrum festgehalten ist, alle weiteren wichtigen Begriffe (im Folgenden Schlüsselwörter genannt) sich um das Zentrum gruppieren. Von dort aus entstehen zu den einzelnen Schlüsselwörtern weitere Assoziationen, die sich zu Seiten- und Nebenlinien verzweigen. Am Bild eines Baumes aus der Vogelperspektive lässt sich dieses verdeutlichen. Der Stamm ist das Thema. Die Hauptäste bilden die Schlüsselwörter, die sich in viele Teiläste bis hin zu den Blattspitzen verzweigen. Wie beim Baum können beim Mind Map neue Äste entstehen, alte ihre Bedeutung verlieren und aus Setzlingen neue Bäume, sprich Mind Maps werden. Ein Mind Map ist ein individuelles Produkt eines Einzelnen oder einer Gruppe. 20 Schüler-Mind Maps zu einem Thema können 20 verschiedenartige Aussehen haben. Wenn Schüler gelernt haben, ein Thema mit Hilfe von Mind Maps darzustellen, arbeiten sie nach meinen Erfahrungen gern mit dieser Methode. Das Mind Map ist ein Ausdruck ihrer individuellen Möglichkeiten. Sie haben es erstellt, es sieht anders aus als das de: Nachbarn und es lässt Raum für ihre eigene Kreativität. Mind Maps von Schülern mit eher künst lerischen Qualitäten sehen anders aus, ah die eher strukturierenden und oft bilderlo sen Mind Maps von Schülern, die digitale Verarbeitungsmuster bevorzugen. Da Mind Maps unterschiedlich sind, entfällt eine Wertung nach besser, schöner, sauberer. Bei welchen Gelegenheiten können Mind Maps eingesetzt werden?Einstieg in ein Unterrichtsthema:Im Fach Arbeit und Wirtschaft steht der Themenabschnitt "Wirtschaften mit dem Einkommen" auf dem Lehrplan. Die Lernzielvorgabe sieht vor, dass die Schüler "erkennen, dass zur Befriedigung der Bedürfnisse die zur Verfügung stehenden Mittel planvoll eingesetzt werden müssen". Mit der Nennung des Unterrichtsthemas wird bei den Schülern sofort ein Gedankenstrom freigesetzt. Jeder von ihnen hat irgend etwas zu dem Thema schon einmal gesehen, gehört, erlebt. Diese Vorinformationen ungenutzt zu lassen wäre Vergeudung von Schülerressourcen. Im "normalen" Unterrichtsgespräch erfolgt der Einstieg häufig über ein Verbalisieren der Kenntnisse. Diese Informationen sind aber nach kurzer Zeit wieder verloren bzw. können nicht wieder aufgegriffen werden. Ein Einstiegs-Mind Map hat den Vorteil, dass das Wissen der Schüler erhalten bleibt und zum Ende des Themas der Lernzuwachs gewertet bzw. verdeutlicht werden kann. Beim Einstiegs-Mind Map wird das Thema in die Mitte eines großen Blattes/der Tafel geschrieben. Die Schüler dürfen alles sagen, was ihnen zu diesem Thema einfällt. Der Lehrer schreibt diese ungeordneten Begriffe auf Astlinien, die rechts und links vom Hauptbegriff abgehen. Dieses ungeordnete Sammeln im Sinne eines Brainstormings macht den Schülern viel Spaß. Ihr Beitrag bleibt sichtbar, jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, es entsteht keine Wertung, welcher Gedanke wichtig war und welcher nicht (siehe Abb. 1). Nachdem alle Schüler ihre Gedanken zu dem Thema auf das Blatt/die Tafel "entleert" haben, gibt es mehrere Möglichkeiten weiterzuarbeiten. Es kann eine gemeinsame Suche nach Oberbegriffen (Schlüsselwörtern) und ein Ordnen des entstandenen Mind Maps stattfinden. Intention unseres Unterrichtsthemas war, dass die Schüler einen Überblick über die Ausgaben, die ein Haushalt hat, bekommen sollten. In unserem Mind Map wurde sich mit den Schülern auf die Schlüsselwörter "Freizeit, Wohnung, Nahrung, Kleidung, Fortbewegung und Unterhaltungsgeräte" geeinigt. Es lassen sich auch andere Schlüsselwörter finden bzw. es lassen sich Schlüsselwörter anders bezeichnen (zum Beispiel Fortbewegung - Mobilität). Die gefundenen Schlüsselwörter wurden auf einer anderen Tafelseite rund um das Thema angeordnet (siehe Abb. 2). Nun ordneten wir die Begriffe aus dem ersten Mind Map den Schlüsselwörtern zu. Dabei wurde schnell sichtbar, dass den Schülern zu den Schlüsselwörtern weitere Ausgabequellen einfielen. Diese vervollständigten wir auf den Seitenästen. Bestimmte Ausgaben (zum Beispiel Versicherungen, Sparen) passten nicht in das vorgegebene Schema. Also wurde ein neues Schlüsselwort ("sonstige Ausgaben") hinzugefügt (siehe Abb. 3). Das entwickelte Mind Map kann nicht als vollständig bezeichnet werden. Die Schüler bekamen jedoch nach kurzer Zeit einen Eindruck, wie umfangreich die Planung eines Haushaltes ist. Im nächsten Arbeitsschritt sollten die Schüler eine Einschätzung abgeben, wieviel Haushaltsgeld die jeweiligen Haushaltstöpfe (Schlüsselwörter)benötigen. Wir gingen von einem Haushaltsbudget von 2000 DM aus. Diese Werte wurden auf Tafel festgehalten (siehe Abb. 3). Anschließend hatten die Schüler Zeit, das Mind Map auf ein Blatt DIN-A3 zu übertragen. Als Hausaufgabe war ein Gespräch mit den Eltern vorgesehen, in dem sie die Einschätzung der Eltern über die Haushaltstöpfe erfragen sollten. In der nächsten Stunde wurden die Ergebnisse ausgetauscht und mit einer Darstellung im Fachbuch verglichen. Denkbar wäre auch, das erste Mind Map als unvollendetes Produkt in der Klasse aufzuhängen und die Schüler aufzufordern, es im Unterrichtsprozess weiter zu bearbeiten und zum Abschluss eine Ordnung und Systematisierung der Begriffe durchzuführen. Sicherung des Gelernten, Vorbereitung auf eine ArbeitVorbereitung auf eine Klassenarbeit oder in später folgenden Bildungsgängen auf eine Prüfung stellen für die meisten Schüler ein schwieriges Unterfangen dar. Nach der Frage "Was kommt denn in der Arbeit dran?" und dem Hinweis der Lehrkraft "Alles was wir durchgenommen haben." folgt bei vielen Schülern ein oft wirkungsloses Lesen in Aufzeichnungen und Fachbüchern. Die Menge der Wörter bzw. Inhalte, die gelesen und verarbeitet werden müssen, ist einfach zu groß und lässt zudem keinen Raum für die individuelle Gedächtnisarbeit. Da das Gedächtnis auf der Verknüpfung von Vorstellungen aufgebaut ist, wäre eine Sicherung wichtiger Schlüsselwörter viel erfolgreicher. Die Vorbereitung
auf eine Klassenarbeit in meinen Klassen besteht aus der Herstellung
einer Seite DIN A4, worauf alles, was in dem Themenbereich gelernt
wurde, notiert wird. Hierbei werden nochmals Zusammenhänge
verdeutlicht. Indem die Schüler das Mind Map herstellen, lernen und
vertiefen sie (Verdichtung der Assoziationsketten). Sie haben nur ein
Blatt, worauf sie beim Lernen schauen müssen. Dieses Mind Map ist ein
großer "Spickzettel", welcher ja bekanntlich eine
ausgesprochen gute Arbeitsvorbereitung darstellt. Meine Klassen bereiten
sich in dieser. Art auf ihre Gesellenprüfung vor, in der sie den
Lehrstoff von drei Ausbildungsjahre beherrschen müssen. Zu jedem Thema
Schwerpunkt fertigen sie ein Mind Map an, welches Grundlage von
Unterrichtsgesprächen und ihrer eigenen Wiederholungen ist Vorbereitung auf ein Ereignis(Schulfest, Klassenfahrt usw.) Im Prinzip erfolgt die Planung zum Beispiel einer Klassenfahrt wie die Einstiegsmethode, die schon beschrieben worden ist. Eis interessante Variante sieht folgendermaßen aus: Es wird ein "sprachloses Mind Map" angefertigt. Das Thema ,.Klassenfahrt" steht der Mitte. Die Schüler erhalten die Aufgabe die Planung der Klassenfahrt nonverbal durchzuführen. Sie entwickeln die Planung, indem sie auf die Ideen der anderen eingehen müssen. im Gegensatz zu selbst erstellten Mind Maps, die ja auch sprachlos gefertigt werden, werden hierbei die Kreativität und die Ideen der anderen genutzt, um das Mind Map entstehen zu lassen. Diese Form der Mind Map-Erstellung klappt aber erst dann, wenn die Schüler mit der Technik vertraut sind und über ein gewisses Maß an Sozialkompetenz verfügen. TextanalyseIn vielen Unterrichtsbereichen, in der späteren beruflichen Bildung und auch im Arbeitsprozess sind die Schüler gezwungen, Texte zu lesen, den Inhalt zu erfassen und ihn oftmals auch wiederzugeben. Ich trainiere mit meinen Schülern die folgende Vorgehensweise:
Ich verwende Mind Maps bei:
Wie wird ein Mind Map erstellt?Trotz des scheinbar chaotischen Aussehens von vielen Mind Maps, die sich für den Betrachter erst beim längeren Hinsehen entschlüsseln, gibt es für die Erstellung wichtige Regeln. Um diese nicht alle aufschreiben zu müssen, bitte ich die Leserinnen und Leser, sich einfach einmal auf eine Lesereise in das Mind Map zu begeben (siehe Materialseite, Seite 29). Zusätzlich möchte ich Ihnen noch ein paar Tipps hinsichtlich wichtiger Gestaltungselemente geben, deren Handhabung sich bei der Herstellung durch die Schüler als schwierig erwiesen hat. Blattwahl und BlattaufteilungFür die Fertigung von Mind Maps eignet sich bei umfangreichen Arbeiten DIN-A3 in Querformat. Dieses kann bei Bedarf auf dem Kopierer auf DIN-A4 verkleinert werden. Wenn DIN-A4-Format verwandt wird, sollte immer im Querformat gearbeitet werden, weil die Mind Maps sich nach links und rechts verzweigen. Bei Klassen-Mind Maps (siehe Einstiegs-Mind Map) werden größere Blätter benötigt. Hierfür eignet sich Flip-Chart-Papier. Da das Thema in der Mitte steht, müssen die Schlüsselwörter eng genug um die Mitte geordnet werden. Vielfach lassen die Schüler hier zuviel Raum, mit der Folge, dass sie zu den Blatträndern keinen Platz mehr haben. Dieses Problem kann behoben werden, indem an jede Blattseite ein weiteres Blatt geklebt und damit weitergearbeitet werden kann. Bei der Neugestaltung des Mind Maps kann auf eine günstigere Blattaufteilung geachtet werden. Schrift und ZeichnungenFür viele Schüler ist es am .Anfang überraschend und angenehm, dass so wenig geschrieben wird (und schon gar nicht in Sätzen). Auch der Einsatz von Symbolen, Zeichnungen, Gegenständen und Piktogrammen ist ihnen fremd. Es ist aber aus lern? und gedächtnispsychologischer Sicht notwendig, mit möglichst wenig Schrift auszukommen. Zu beachten ist außerdem, dass bei der Gestaltung waagerecht geschrieben wird. Druckbuchstaben in Groß? und Kleinschreibung haben den Vorteil der schnellen Wiedererkennung. Trotzdem sollten Sie sich vor allzu vielen Regeln hüten. Die Arbeit mit Mind Maps sollte
Wie gehe ich vor, wenn ich Mind Maps in meiner Klasse neu einführen will?Mind Maps zu erstellen ist ungewohnt, so völlig anders als das, was Lehrer und Schüler kennen. Sollten Sie nun Lust bekommen haben, Mind Maps in Ihren Klassen einzusetzen, halte ich folgende Vorgehensweise für gut geeignet:
Das erste Mal mit Schülern ein Mind Map zu erstellen ist schwierig. Es ist gewöhnungsbedürftig, das Ergebnis ist nicht exakt voraussehbar. Im Gegensatz zu der späteren gewohnten Arbeit sollte beim ersten Mind Map der "Wir haben gemeinsam etwas völlig Neues geschaffen"-Charakter im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Zum Schluss noch zwei Anmerkungen.
LiteraturBirkenbihl, V.: Stroh im Kopf? Gebrauchsanweisung Gehirn. Landsberg am Lech 1994 Buzan T: Kopftraining. Anleitung zum kreativen Denken, München 1984 Frick
R. / Moismann, W.: Lernen ist lernbar. Eine Anleitung zur
Arbeits- und Lerntechnik. Neusäß
1995 Kirckhoff, M.: Mind Mapping. Berlin 1988 Nissen, P. / Iden, U: Kurs Korrektur Schule. Ein Handbuch zur Einführung der Moderations Methode in System Schule, Hamburg 1995 Svantesson, L: Mind Mapping und Gedächtnistraining, Bremen 1993 Quelle: Manfred Steps: Mind Mapping im Unterricht. In: Praxis Schule 5-10 (1997) 25-29
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